Eine neue Freundin


Seit nunmehr 4 Wochen lebt Sarah in diesem Mädcheninternat nahe der Woodlands von Foggy Fields. Von Natur aus eher schüchtern und zurückhaltend und als Einzelgängerin bekannt, traf sie eines Tages in der Bibliothek ein ebenfalls schüchtern und unscheinbar wirkendes Mädchen. Sie stand da, verloren und in Gedanken versunken. Sarah ging auf das einsame Mädchen zu. „Kann ich dir helfen? Du wirkst so verloren, suchst du etwas?“ Das Mädchen sah auf, lächelte leicht. „Ich bin neu hier, aber ich komm klar, danke.“ Sarah lächelte zurück. „Ich bin auch erst seit Kurzem hier. Meine Eltern machen eine Weltreise, da haben sie mich hierher gebracht, ich sollte nicht mit. Mein Name ist Sarah.“ „Ich heiße Madeleine. Meine Eltern sind tot, Autounfall. Meine Großeltern sind zu krank, um sich um mich zu kümmern. Deshalb bin ich hier.“ 
So wurde aus den beiden Einzelgängerinnen innerhalb kurzer Zeit ein unzertrennliches Duo. Sie gingen gemeinsam zu den Mahlzeiten in die Mensa, zu den Schulstunden, verbrachten viel Freizeit zusammen. Aber obwohl sie alles gemeinsam unternahmen, hatte Sarah stets den Eindruck, als ob Madeleine von niemandem wahrgenommen wurde. „So war es auch schon bei meinen Eltern und in dem letzten Internat. Nie hat mich irgendjemand beachtet. Und wenn, dann nur um mich zu ärgern. Bis du hierher kamst. Du bist wie ich. Das verbindet uns. Auf immer.“ Madeleine blickte Sarah tief in die Augen. Sarah lief ein Schauer über den Rücken. Irgendetwas kam ihr merkwürdig vor. Ob es an Madeleines Wortwahl lag? Oder an ihrem Blick? Sie wusste es nicht. 
Seit ein paar Tagen fielen Sarah immer öfter seltsame Geschehnisse auf. So fielen scheinbar wie von selbst Bücher aus den Regalen der Bibliothek, sobald eines der anderen Mädchen aus dem Internat dort stand. Oder abends in den Fluren fing das Licht an zu flackern, wenn jemand anderes als Sarah dort entlang ging. Sarah fühlte sich zunehmend unwohl in Madeleines Gegenwart, sodass sie immer weniger Zeit mit ihr verbringen wollte. Sarah erfand Ausreden wie „Ich habe furchtbares Nasenbluten“, oder „Kopfweh“. Nach und nach suchte Sarah immer weniger Madeleines unheimlich wirkende Gesellschaft auf. 
Eines Nachts wachte Sarah auf und verspürte Durst. Sie ging in die Küche, um ein Glas Milch zu trinken. Als sie die Küche verließ, stand Madeleine vor ihr auf dem Flur. Schwarze Augenringe zierten ihr blasses Gesicht, das einst weiße Kleid hing zerrissen an hier herab. Sie fuhr sich mir wilder Geste durch das Haar, zerzauste es, riss daran, bis sie einzelne Strähnen in den Händen hielt. „Was tust du da?“ Sarah war entsetzt und spürte, wie Angst in ihr hochkroch. „Du bist genauso wie alle anderen! Erst nett sein, dann mich meiden. Aber jetzt ist Schluss damit! Ich lasse mir das  nicht mehr gefallen! Von niemandem!“ Sarah stand wie gelähmt im Flur. Madeleine hielt einen Moment mit schmerzverzerrtem Gesicht inne. Die Küchentür schlug zu. Die Lampen flackerten. Sarah schaute sich erschrocken um, konnte aber niemanden sehen. Die Deckenlampen flackerten, da entdeckte sie etwas Rotes an der Wand. Ihre Augen folgten den roten Farbrinnen. Es sah aus, als würde es aus der Wand bluten. Viel bluten. Einige Stellen blieben dabei frei, sodass es aussah, als ob dort etwas stehen würde. „V e r r ä t e r !“, entzifferte Sarah. Mit weit aufgerissenen Augen blickte Sarah wieder zu Madeleine hinüber, die nun wie eine vom Teufel besessen ihre Arme ausbreitete und zu einer riesigen Gestalt mit wallendem Umhang wurde. Ihre riesig wirkenden Augen fingen an zu leuchten, aus dem weit aufgerissenen Mund blitzen spitze Zähne wie bei einem Hai. Madeleine erhob sich, schwebte über dem Boden, immer schneller werdend direkt auf Sarah zu. Sarah wollte flüchten, doch jede Tür, die sie zu öffnen versuchte, war verschlossen. „Ja, lauf nur, du Verräter. Du bist nichts besser als all die anderen!“ Madeleines Stimme klang tief und verzerrt. Sarah rannte den Flur entlang und stolperte plötzlich. Sarah blickte zu Bode, um zu sehen, worüber sie gestolpert war. Es war der Kopf einer Mitschülerin. Erschrocken sprang Sarah hoch und rannte weiter, dicht gefolgt von der knurrenden Madeleine. Kurz vor der Tür zur Bibliothek holte Madeleine Sarah ein, durchfuhr sie wie ein Geist und riss Sarahs leblosen Körper zu Boden. Sarahs Gesicht war angstverzerrt, die einst schwarzen Haare wurden schneeweiß. Madeleine hatte ihr all ihre Lebensenergie ausgesaugt. Die Türen öffneten sich wieder, das Licht hörte auf zu flackern, das Blut floss zurück in die Wand. Madeleine nahm wieder die Gestalt des schüchtern und unscheinbar wirkenden Mädchens an und ging hinaus in den Hof, als wäre nichts geschehen. „So, auf zum nächsten Internat. Dort suche ich mir eine neue Freundin.“